Artikel aus WAZ Nr. 8 2017

_DSF3810„Das grosse Velo-Abenteuer“
Kathrin Näf und Markus Gwerder, beide über 60, haben 4’500 Kilometer auf dem Velosattel zurückgelegt und sind bis zum Nordkap gefahren. Eine herausfordernde, abenteuerliche, erlebnisreiche Reise rund um Skandinavien und die Baltischen Staaten.
«Am 1. Mai brechen wir von Wald für drei Monate mit dem Velo auf. Die Packtaschen sind prallvoll, Zelt und Schlafsäcke dabei. Draussen schneit es in Mengen. Für die nächsten Wochen unterwegs zum Nordkap hoffen wir auf besseres Wetter. Mit dem Zug reisen wir nach Hamburg und Cuxhaven. Durch Schleswig Holstein und Jütland radeln wir in den Norden Dänemarks. Als Velofahrer ist man hier willkommen, die Radwege sind sehr gut und die Autofahrer rücksichtsvoll. Das wechselhafte Wetter verlangt einiges von uns, vom beissend kalten Gegenwind und Nieselregen bis zu angenehmen, frühsommerlichen Temperaturen erleben wir alles. Die Campingplätze bieten geheizte Küchen/Aufenthaltsräume, was wir geniessen.

Nationalfeiertag in Norwegen 0004_IMG_2444.jpg
Mit der Fähre gelangen wir nach Oslo. Norwegen empfängt uns mit Schneeregen. Wir besichtigen die Stadt mit ihrer modernen Architektur, sowie Holmenkollen mit der Sprungschanze. Unser nächstes Ziel, die Olympiastadt Lillehammer, erreichen wir in drei Tagen. Die Stadt wirkt eher dörflich, mit einer sorgfältig renovierten Einkaufsmeile. Diese nutzen wir und kaufen warme Handschuhe, Schuhüberzüge und Socken. Unser Zelt war am Morgen mit Raureif überzogen. Wegen der Temperaturen und dem nahen Schnee entscheiden wir, über den Pass von 1‘100 m.ü.M den Zug nach Trondheim zu nehmen, wo wir rechtzeitig zum Nationalfeiertag eintreffen. Ein grosser Umzug findet statt, die Menschen vom Kind bis zur Grossmutter tragen an diesem Tag ihre Tracht oder sind festlich gekleidet. Wir können am Festgottesdienst im Dom teilnehmen, ein einmaliges Erlebnis. Der Wettergott hat ebenfalls Festlaune. In vier Tagen pedalen wir nach Brønnøysund, eine wunderschöne Strecke mit vielen. Auf und Ab. Wir campieren zweimal wild. Die Landschaft ändert von Tag zu Tag, von saftigen Frühlingswiesen zu schroffen Felswänden und kargen Feldern.

Auf den Lofoten
0002_IMG_2726.jpgInzwischen wissen wir, wie wir uns zweckmässig anziehen müssen. Das Zwiebelprinzip bewährt sich. Unsere Route führt mit der Fähre hinüber auf die Lofoten. Hier erleben wir eine stürmische, regnerische Nacht im Zelt. Die Häuser stehen zum Teil auf Pfählen im Wasser und sind mit Steinziegeln gedeckt. Typisch sind auch die Fischtrocknungsanlagen für den Stockfisch. Die Bevölkerung lebt vom Fischfang und Tourismus. Nach drei Tagen in Tromsø sieht die Wettervorhersage für die kommenden Tage endlich besser aus. Es soll schön und vor allem wärmer werden. Bis zum Nordkap werden wir noch fünf bis sechs Tage benötigen. Ob das reicht? Wir haben uns angewöhnt, so um fünf bis halb sechs aufzustehen, damit wir zwischen halb sieben und sieben los fahren können. Der Verkehr ist um diese Zeit weniger dicht. Täglich fahren wir 100 Kilometer, mit zwei oder mehreren Pässen.

Im Gegenwind zum Nordkap
0021_IMG_2807.jpgMit dem Hurtigruten-Schiff nach Honningsvåg umgehen wir den berüchtigten Tunnel unter dem Meer hindurch (6 km mit je 9 Prozent Gefälle und Steigung) und einen zweiten, 9 Kilometer langen Tunnel. Eine elegante Lösung. Bei strahlendem Sonnenschein und einem Kaffee, die Füsse hochgelagert, lassen wir die schöne Landschaft vorüber gleiten. Danach heisst es wieder treten. Es sind noch 35 Kilometer bis zum Nordkap mit vielen Höhenmetern auf und ab. Dazu einmal mehr starker Gegenwind. Aber wir schaffen das und mit uns auch noch ein paar weitere Velofahrer. Wir haben den nördlichsten Punkt Europas erreicht, zum Glück bei schönem Wetter mit Mitternachtssonne. Nun geht’s weiter, nur noch Richtung Süden.

Im Land der Samen
0012__DSF4840Wir gehen wieder an Bord des Hurtigruten-Schiffes, um eine Nacht lang bis nach Vadso zu fahren, ins Land der Samen. Uns erstaunt, wovon die Menschen da leben, ausser vom Fischfang. Ein letztes Mal geht’s einem Fjord entlang. Danach queren wir den Grenzfluss Tana zwischen Norwegen und Finnland. Diesem folgen wir 180 Kilometer durch eine einmalig schöne Landschaft. Die Temperatur ist über 10 Grad. Da explodiert die Natur. Innerhalb eines Tages sind die Wälder grün. Kontinuierlich ändert sich das Landschaftsbild, geht von der Tundra in Mischwald mit Birken und Föhren über. Der Waldboden ist moosig und überall liegt noch Wasser, die Schneeschmelze ist nicht lange vorüber. Vor Inari finden wir an einem See einen idyllischen Platz zum Zelten und Feuer entfachen, gegen die ersten Mücken und einfach so, weil feuern lustig ist. Wir kürzen wie geplant ein Stück ab, indem wir von Rovaniemi mit dem Nachtzug nach Helsinki fahren.

Am Mittsommerfest
0036__DSF5299Am 23. Juni erleben wir hier auf der Insel Seurasaari das traditionelle Mittsommerfest. Jedes Jahr heiratet ein junges Paar an diesem Tag in der Kirche und führt dann den Hochzeitstanz vor. Dieser Brauch stammt aus der sämischen Kultur. Nach Ritualen und Tänzen werden am Ufer verschiedene Feuer entzündet. Dunkel wird es natürlich nicht. Die Nachtfähre führt uns nach Tallinn. In der Hauptstadt von Estland erwartet uns eine schmucke historische Altstadt. Bei strahlend blauem Morgenhimmel pedalen wir los. Wir wundern uns dass die Dörfer auf unserer Karte nirgends zu sehen sind. Nur Wald, Wald, Wald. Die Häuser stehen da mittendrin, jeweils auf einer Lichtung. Leider wendet sich das Wetter, es regnet wieder. In einem winzigen Häuschen mit zwei Betten können wir uns trocknen und schlafen.

Durch Estland, Lettland und Litauen
0051__DSF5335Zwei Tage folgen wir den einsamen Stränden von Estland und Lettland, durchfahren schöne Blumenwiesen und verschlafene Dörfer. Riga bietet eine geballte Ladung an interessanter Architektur und Geschichte, dazu viele Restaurants in der Innenstadt. Den Sommer über finden Konzerte und Festivals statt. Beeindruckend ist das historische Speicherviertel, das zurzeit in ein modernes Kulturzentrum verwandelt wird. Dieses Quartier wurde Mitte des 19. Jahrhunderts städteplanerisch umsichtig gebaut. Unsere Route führt weiter mitten durch flaches Landwirtschaftsland. Wir durchfahren riesige Kornfelder. Vor den Häusern ist oft nur eine einzelne Kuh angebunden, offenbar für den Eigenbedarf. Den Strassen und Wegrändern entlang blüht es wundervoll. Die Bevölkerung ist deutlich ärmer als in Estland. Für Renovationen von Häusern fehlt das Geld, auch öffentliche Bauten wie Kirchen sehen heruntergekommen aus, wie aus einer anderen Zeit. Wir treffen auf halb zerfallene Windmühlen, verträumte Weiher und wundervolle unverbaute Flusslandschaften. In jedem Dorf wohnen Störche auf den hohen Masten. Am Strassenrand können wir direkt von den Produzenten sehr billig frisches Gemüse kaufen. Die Strassen sind in einem schlechten Zustand und ausser den Hauptverbindungen ungeteert. Nach zwei Tagen überqueren wir bereits die Grenze zu Litauen. Hier steht die Kirche jeweils in der Dorfmitte, es gibt grosse Dorfplätze. Auch Litauen ist ein landwirtschaftlich geprägtes, dünn besiedeltes Land. Wir fahren weiterhin durch Korn-, Erbsen- und Rapsfelder.

Zum Schluss nach Warschau
0023_IMG_3854Unser Ziel ist die Stadt Kaunas. Inzwischen wachsen uns Blumen aus den Schuhen, ob des vielen Regens. Daher entscheiden wir, ab Kaunas mit dem Zug statt mit dem Velo nach Warschau zu reisen. Wir nehmen uns einen Tag Zeit, um das historische Zentrum der polnischen Hauptstadt zu erkunden. Die Bahngesellschaften, auch die SBB, können uns leider keine vernünftige Heimfahrt mit dem Zug anbieten, wo auch das Velo mitkann. So müssen wir leider ab Warschau nach Hause fliegen. Seit wir losgefahren sind, haben wir laut unseren Kilometerzählern über 4‘500 Kilometer zurückgelegt. Unzählige schöne Erlebnisse bleiben uns in Erinnerung.»